Maausk. Der estnische Naturglauben

Uralte Traditionen zwischen Religion und Moderne


Die Esten sind in der Natur verwurzelt und mit ihr verbunden. In dieser Welt hat jedes Wesen einen Namen, eine Bedeutung und Gefühle, die es zu respektieren gilt. So wird der estnische Holzfäller im Wald den Baum zunächst umarmen und ihm für das Opfer danken, dass der Baum mit seiner Fällung bringt.

Das Buch "Deutscher Aberglauben" berichtet als Unicum darüber, dass estnische Bauern beim Säen ihr bestes Teil aus der Hose hängen lassen, um dem Acker mehr Fruchtbarkeit zu bescheren. Ob das heute noch so gemacht wird, konnten wir auf unseren Reisen durch Estland nicht überprüfen.

 

Im Südosten Estlands gilt der Võhandu bis heute als heiliger Fluß verehrt, an dessen Quelle kein Zweig gebrochen werden darf und dessen Quelle alljährlich gereinigt werden muss. Der Lauf des Flusses darf in keiner Weise verändert und beeinflußt werden, anderenfalls drohen schreckliche verheerende Unwetter, berichtete Pastor Joahnnes Gutslaff schon im 17. Jahrhundert. Sein "Kurtzer Bericht und Unterricht von der Falsch-heilig genandten Bäche in Lieffland Wöhhanda" berichtet von mehreren Mühlen, die dem Zorn des heidnischen Flussgottes zum Opfer fielen, weil sie den Lauf des Flusses behinderten, dazu wird regelmäßig dem Donnergott Pikne gehuldigt und geopfert.

Andere Bäume, darunter zwei Linden im Lahemaa Nationalpark, haben im estnischen Naturglauben magische Bedeutung. Zu ihnen kommen die Esten mit Wünschen und Fürbitten, umkränzen sie mit bunten Bändern und beten zu ihnen. Grüne Bänder bedeuten Hoffnung, blaue Bänder widmen sich dem Glauben, rote oder rosa Bändern winden junge Frauen um die Linden, die sich ein Mädchen wünschen. Frisch getraute Paare pilgern zu den Linden und richten ihre Wünsche und Hoffnungen an den Baum.

Selbst Steine sind keine sinnlosen Dinge in der Landschaft, nein, sie besitzen Namen, sind Teil der Legenden und Traditionen. An der Ostsee finden sich neben gewaltigen Findlingen auch große Haufen aus Wunschsteinen. Findet ein Este einen besonders schönen Stein am Ufer der Ostsee, kann er diesen Stein mit einem Wunsch "aufladen" und auf diese magischen Steinhaufen legen. Die Esten sind überzeugt, dass diese Wünsche dann in Erfüllung gehen. Die Findlinge selbst sind wahlweise versteinerte Teufel oder versteinerte Nonnen oder noch anderes Gezücht. Hinter einem der imposantesten Findlinge bei Viinistu werden die Babys geholt, die Kinder "kommen hinter dem Stein hervor".

Auf dem Friedhof derer von Pahlen und dem Herrengut der Familie in Palmse treiben bis heute Spukgestalten ihr Unwesen. Dabei spielt die Erinnerung an die Vergangenheit mit blutige Schlachten und zahlreichen Kindsmorden eine große Rolle. Dem Naturglauben der Esten ist in solchen Fällen der Ort der Seelenruhe wichtiger als das Seelenheil auf dem Friedhof. So werden manche Tote nicht beigesetzt, sondern an Ort und Stelle des Unglücks belassen. Die gesunkene MS Estonia wurde mit allen Toten an Bord an den Meeresboden betoniert, um den Opfern am Schicksalsort die ewige Ruhe zu geben.

Der Aberglauben beeinflußt bis heute das Miteinander der Esten. So durften die Ehefrauen der Kapitäne von Käsmu und auch der anderen estnischen Seeleute niemals die Schiffe betreten, das bringt Unglück. Noch heute reichen sich die Esten nicht die Hand über eine Türschwelle, das sonst die Gefahr besteht, zu Feinden zu werden. Gleiches gilt für das Pfeifen in Gebäuden (Brandgefahr). Estinnen stellen ihre Handtasche niemals auf der Erde ab, um das Geld nicht fortlaufen zu lassen. Ein angedeutetes Spucken über die Schulter sorgt dafür, dass das Glück nicht vertrieben wird.

Wer sich auf seinen Estlandreisen für die Besonderheiten des estnischen Volkes interessiert, der sollte auf jeden Fall nach dem Volksglauben fragen. Es öffnet sich ihm eine Tür in einen vielfältigen und fremdartigen Kulturkosmos.
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