Der Berg der Kreuze

Nationalheiligtum nahe Siauliai mit magischer Wirkung


Im Norden Litauens, unweit der Grenze zu Lettland, befindet sich eine einzigartige Pilgerstätte, die jedes Jahr zehntausende Menschen aus aller Welt in ihren Bann zieht. DerBerg der Kreuze nahe der Stadt Siauliai, der von einem dichten Wald an Kruzifixen bedeckt ist, gilt in Litauen nicht nur als wichtiger Wallfahrtsort. Das außergewöhnliche Heiligtum ist auch ein bedeutendes Symbol für die nationale Identität und den Freiheitsdrang der Menschen, die in der Vergangenheit der gewaltsamen Herrschaft eines totalitären Regimes trotzten.

 

Ein magisches Dickicht an Kruzifixen

Etwa zwölf Kilometer nördlich der Bezirkshauptstadt Siauliai befindet sich die weit über die Landesgrenzen Litauens bekannte Pilgerstätte, die nicht nur aus religiösen Gründen von unzähligen Menschen aus der ganzen Welt besucht wird. Der Berg der Kreuze gilt heute auch als eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Landes und ist daher Anziehungspunkt für viele Touristen, die die einzigartige Atmosphäre dieses mystischen Ortes hautnah erleben möchten.

Der Berg der Kreuze ist ein Hügel von wenigen Metern Höhe inmitten der unberührter Wiesen und Wälder. Auf seinen Hängen ist ein Dickicht an Kruzifixen entstanden, die mit Rosenkränzen, kleineren Kreuzen, Kunstblumen und Heiligenbildchen verhangen sind. Viele Kreuze wurden aus Holz geschnitzt, andere sind aus Metall angefertigt und fallen durch kunstvolle Ornamente auf, auch solche aus Plastik sind dabei. Dass sie bereits mit den Bäumen verwachsen oder unentwirrbar miteinander verschlungen sind, verleiht dem Berg der Kreuze eine besonders dichte Atmosphäre. Viele der Kruzifixe tragen Inschriften oder Bilder verstorbener Menschen, die längst verblichen sind. Die Rosenkränze und anderen Devotionalien, die an den Kreuzen hängen, klappern und klingeln bei jedem kleinen Windhauch und verleihen dem Ort eine magische Aura.

Durch dieses stimmungsvolle Labyrinth führen schmale Pfade und eine Haupttreppe die Hänge des Hügels empor. Niemand weiß, wie viele Kruzifixe tatsächlich auf dem Berg der Kreuze in den Himmel ragen. Eine Gruppe von Studenten der Universität Vilnius unternahm in den frühen Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts den Versuch, die Anzahl zu beziffern, gab jedoch bei 50.000 auf. Viele Menschen pilgern heute zu jeder Jahreszeit nach Siauliai, um den Berg der Kreuze zu besuchen. Besonders junge Brautpaare und frischgebackene Eltern besuchen das magische Heiligtum, um einen Wunsch oder Dank auszusprechen und ihrerseits ein Kruzifix aufzustellen.

Christentum trifft heidnisches Brauchtum

Auf dem Berg der Kreuze in Siauliai vereint sich christliche Tradition mit heidnischen Bräuchen auf außergewöhnliche Weise. Der Hügel, auf dem der Wald an Kruzifixen im Laufe von zwei Jahrhunderten entstanden ist, stammt aus vorchristlicher Zeit und blickt auf eine kulturelle Geschichte zurück, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Einst befand sich in dieser unberührten Landschaft nahe Siauliai die Burg Jurgaiciai, für die die Litauer, die damals letzte heidnische Volksgruppe in ganz Europa den Hügel angelegt hatten.

Die Burg wurde wie viele andere Befestigungen und Dörfer der Litauer Mitte des 14. Jahrhunderts von den Kreuzrittern zerstört, ihr Hügel jedoch blieb unversehrt und überdauerte als sagenumwobenes Kulturheiligtum viele Jahrhunderte. Zum heute bekannten Berg der Kreuze entwickelte sich der ehemalige Burghügel ab Mitte des 19. Jahrhunderts, als Litauen und Polen vom russischen Zarenreich erobert wurden.

Ein Heiligtum als Symbol des passiven Widerstands

Der Berg der Kreuze nahe Siauliai gilt in Litauen nicht nur als Kulturgut und religiöses Heiligtum, sondern ist auch untrennbar mit dem Nationalstolz der Einwohner des baltischen Staates verbunden. Als sich die Menschen in Litauen und Polen gegen die russische Fremdherrschaft unter Zar Alexander erstmals auflehnten, wurden ihre Aufstände blutig niedergeschlagen und unzählige Menschen ermordet. Im Jahr 1850 sollen auf dem sattelförmigen Hügel nahe Siauliai von den Hinterbliebenen erstmals etwa 150 Kreuze in Gedenken an die Ermordeten aufgestellt worden sein.

Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Berg der Kreuze ständig erweitert, bis mehrere hundert Kruzifixe die Hänge des Hügels bedeckten. Unter der Herrschaft der Sowjetunion und dem Einfluss von Stalin mussten die Menschen in den baltischen Staaten unerträgliches Leid erdulden. Stalin ließ mehrere hunderttausende Litauer deportieren, foltern oder ermorden. Die Menschen in Litauen reagierten auf die politischen Missstände auf ihre eigene Art. Sie begannen damit, den Berg der Kreuze als Zeichen des stillen Widerstands und Nationalstolzes stetig zu erweitern.

Trotz der sowjetischen Sanktionen kamen immer mehr Menschen meist im Schutze der Nacht nach Siauliai, um Kreuze aufzustellen und dadurch ihren Freiheitsdrang zu verdeutlichen. Mehrere Male schickte Moskau Bulldozer, um den Berg der Kreuze zu zerstören. Doch die Menschen kamen wieder und begannen aufs Neue, das Symbol ihrer nationalen Identität und Unabhängigkeitsbewegung wiederaufzubauen. Erst unter Gorbatschow erfolgte die Aufnahme des einzigartigen Heiligtums in die Liste der litauischen Kulturdenkmäler.

Nach der Unabhängigkeit Litauens im Jahr 1991 und dem Besuch durch Papst Johannes Paul II. wurde der Berg der Kreuze zum Wallfahrtsort erklärt. Mönche des Franziskaner-Ordens errichteten nahe des Hügels bei Siauliai ein kleines Kloster und betreuen den Berg der Kreuze seit dem Jahr 2000.

Die heute weltbekannte Pilgerstätte bei Siauliai ist nicht nur wegen ihrer abwechslungsreichen Geschichte und ihrer Bedeutung für die nationale Identität Litauens eine Besichtigung wert. Der Berg der Kreuze ist lebendiges Kulturgut, denn mit jedem Menschen, der ihn besucht und dort ein Kruzifix hinterlässt, wächst er weiter. So werden auf dem Berg der Kreuze auch in Zukunft und trotz möglicher gesellschaftlicher und politischer Umbrüche stets die kleinen Devotionalien im Wind klappern, während der Wald der großen Kruzifixe seine bizarre Atmosphäre verströmt.
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