Die belarussische Sprache

Zur Blüte getrieben. Fast ausgerottet. Wiederentdeckt.


... Die Türen der Minsker Metro schließen sich und der Zug fährt ab. Nach kurzer Zeit gibt es im Waggon eine Lautsprecheransage in einer milden, uns unbekannten Sprache, die sonst immer im Hintergrund bleibt. Oder doch im Untergrund? Beides mag stimmen. Es ist laut, und nur diese Ansagen sind im unterirdischen Reich des Verkehrssystems der Hauptstadt hörbar. Diese sanfte Stimme, die zudem kaum zu hören ist.

Eine der ersten Fragen, die von Reisenden nach ihrer Ankunft in Belarus gestellt werden, ist sehr häufig: Was spricht man hier? Was wird üblicherweise gesprochen? Gibt es noch ein anderes Russisch, das etwa Weiß-Russisch heißen soll? Und warum eigentlich weiß? Und hat es überhaupt etwas mit dem Russischen zu tun?

Nicht nur Belarus als Land, sondern auch seine Sprache bleibt eine Terra incognita für Uneingeweihte, was schnell zu Missverständnissen führen kann. Jedoch sind sowohl das Land als auch seine Sprache eine Begegnung wert. Zusammen bilden sie eine enge Symbiose; sie können nur in Zusammenhang mit einander am besten verstanden werden. Diese komplizierte Beziehung zwischen Sprache und Land beeinflusst das heutige Selbstbewusstsein der Belarussen zutiefst, da selbst nach mehreren Jahrhunderten immer noch kein genauer Weg, keine Entwicklungsrichtung der beiden festgelegt scheint. Und manche Erkenntnisse können verblüffend sein.

 

Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass eine Sprache vernachlässigt wird, dass manche sich ihrer sogar schämen und sie verdrängen? Warum gilt es hier häufig als nicht normal, die Sprache der Titularnation in der Öffentlichkeit zu sprechen? Warum müssen viele Belarussischsprechende sich ständig rechtfertigen – in einem Land, wo ihre Muttersprache auch eine der Staatssprachen ist? Um diese verwirrende Situation zu verstehen, ist ein Einblick in die Geschichte des Landes notwendig.

Die Ursprünge aller ostslawischen Sprachen finden sich im Frühen Mittelalter. Die Völkerwanderung hatte dazu deutlich beigetragen. Auf dem Territorium, das später von slawischen Stämmen bewohnt wurde, hatten Balten gelebt, und Einfluss auf das entstehende Belarussische ausgeübt, wobei dieser Einfluss gegenseitig war.

Das Epoche vom Ende des 13. bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts gilt als Zeit der Herauskristallisierung der belarussischen Sprache. In dieser Zeit entstehen schriftliche Überlieferungen der typisch belarussischen sprachlichen Merkmalen. Die Sprache wird jedoch noch ein paar weitere Jahrhunderte benötigen. Dadurch entstehen auch gewisse Schwierigkeiten bei der genauen sprachlichen Zuordnung von Texten aus der Epoche, denn die sprachliche Norm war noch nicht festgelegt und einige Dialekte waren dem Altukrainischen sehr nah. Außerdem sollte der Einfluss des Kirchenslawischen nicht vergessen werden. Altbelarussisch, Altukrainisch, Ruthenisch – verschiedene Sprachwissenschaftler geben diese Bezeichnungen dem, was wir heute als Ursprung des Belarussischen und unter anderem auch des Ukrainischen betrachten. Das sorgt auch für eine gewisse Politisierung des Themas, wobei die oben genannten Namen kaum etwas mit den gegenwärtigen Sprachen und Ländern zu tun haben und von daher nicht in direkte Verbindung damit gesetzt werden können.

Im Großfürstentum Litauen war das Altbelarussische die Kanzleisprache. Nach dem Tschechischen und Polnischen wurde das Altbelarussische die dritte slawische Sprache des Buchdrucks. 1517 erschien in Prag das erste Buch – die Bibelübersetzung von Francysk Skaryna, dem großen Aufklärer aus Polozk. Das Besondere ist, dass verschiedene Alphabete verwendet wurden. Neben dem Kyrillischen war das lateinische Alphabet ab dem 17. Jahrundert gängig, was auch durch den Einfluss des Polnischen bedingt wurde. Eine einzigartige Erscheinung aus der Zeit sind Kitab – Bücher, die von umgesiedelten assimilierten Tataren auf Altbelarussisch mit arabischen Buchstaben niedergeschrieben wurden.

Im 17. Jahrhundert wurde der Einfluss des Polnischen immer größer, das Belarussische wurde zurückdrängt und verlor seine führende Position im Staatswesen. Es wird zur Sprache des einfachen Volkes, das in den nächsten Jahrhunderten abwechselnd Polonisierung und Russifizierung wird erleben muss. Das hinterlässt deutliche Spuren sowohl im nationalen Selbstbewusstsein als auch in der Sprache selbst. Die Sprache lebt jedoch weiter – im Volksmund, in Werken belarussischer Autoren; ihre Zeit wird bald kommen.

Ein rasanter Aufschwung erfolgte mit der Oktoberrevolution. 1918 erscheint die "Grammatik der belarussischen Sprache für Schulen" von Branislau Adamawitsch Taraschkewitsch, in der die Grundregeln der weißrussischen Hochsprache und Rechtschreibung festgelegt wurden. Sie wird heute in Erinnerung an ihn die "Taraschkewiza" genannt. In den 1920er wurde Belarussisch zusammen mit Russisch, Jiddisch und Polnisch eine der offziellen Sprachen der Weißrussischen Sowjetischen Republik. Die Sprache dieser Zeit wurde und wird heute noch von manchen Künstlern verwendet.

1933 wurde eine Sprachreform verabschiedet, zu deren Zielen auch eine Annäherung ans Russische gehörte. Mit dieser Reform war die Phase der Belarussifizierung von 1924 bis 1928 vorbei. Die Zeit der "Großen Säuberung" lässt nicht lange auf sich warten. Stalins Terror gegen die Intelligenzia der 30er Jahre hat auch viele Belarussen das Leben gekostet – darunter Künstler und Wissenschaftler wie Branislau Taraschkewitsch. Nicht wenige wurden nach Sibirien verschleppt und kehrten nie wieder nach Weißrussland zurück. Daneben wurde auf dem gesamten Staatsgebiet der Sowjetunion eine großangelegte Russifizierungskampagne durchgeführt.

Diese Russifizierung im Zusammenspiel mit der Migration in die Großstädte schwächte die Stellung des Belarussischen in der Gesellschaft nachhaltig. Die belarussische Sprache wurde nun als bäuerlich, minderwertig denunziert, was viele Belarussen dazu bewog, sich wie gefordert in Russisch zu verständigen. Dabei ist eine Sprachvermischung in dieser Situation unvermeidlich gewesen. Es entstand ein sprachliches Phänomen namens Trasjanka (bel. "vermischtes Roh"), das bis heute in großen Teilen der Bevölkerung gesprochen wird - weniger in Minsk, vor allem auf dem Land. Meistens behält der Sprecher beim Russischsprechen die belarussische Aussprache, teils übernimmt er Grammatik und Syntax aus dem belarussischen.

Nach der Volksabstimmung am 14. Mai 1995 sind Russisch und Belarussisch heute de jure gleichgestellte Staatssprachen. De facto wird das Belarussische jedoch deutlich weniger gesprochen und verliert innerhalb der Bevölkerung weiter an Boden. Um den Erhalt des Belarussischen bemühen sich vor allem Teile der weißrussischen Intelligenz und der Künstler. Dabei ist in den letzten Jahren ein negatives Bild über die Sprache entstanden, dem viele Menschen, vor allem aus den älteren Generationen, folgen. Belarussisch sei die Sprache der Opposition und dies bedeute nichts Gutes. Öffentliches Kommunizieren auf Belarussisch birgt gewisse Schwierigkeiten: Viele verstehen es nicht oder geben vor, es nicht zu verstehen. Behörden antworten überwiegend auf Russisch, auch wenn Anfragen auf Belarussisch eingereicht werden. Die Hochschulbildung bis auf einzelne Studiengänge erfolgt fast komplett auf Russisch, während es noch belarussischsprachige Schulen gibt (im Durchschnitt beträgt die Zahl der Schüler etwa 15 Prozent).

Die UNESCO schätzt Belarussisch als "potentziell gefährdet" ein. In der letzten Volksumfrage aus dem Jahr 2009 nannten 60 Prozent der Befragen Belarussisch als ihre Muttersprache, was etwa 10 Prozent weniger ist im Vergleich mit 1999. Dabei sprechen nur 23 Prozent Belarussisch zu Hause. Diese Tendenz ist nicht zuletzt der politischen Entwicklungen der letzten Jahre zu verdanken, aber auch vielen Fehlern, die in den 90er gemacht wurden. Die erhoffte rasante Umstellung in der Zeit des großen Umbruchs, in der viele andere gesellschaftliche Probleme nach Lösungen drängten, war eine Utopie. Übertreibungen in der Sprachwissenschaft, nationale Mythen und leider auch Feindseligkeiten mancher Nationalisten gegenüber Russischsprechenden haben bei vielen Weißrussen genau das Gegenteil von dem erzeugt, was eigentlich gewünscht war. Das soll keinesfalls die Russifizierung der letzten Jahrzehnten beschönigen, die Wahrheit muss jedoch ehrlich ausgesprochen werden, um nach einer besseren Lösung zu suchen. Und diese scheint gefunden worden zu sein.

Die Sprache erlebt seit einigen Jahren wieder einen neuen Aufschwung. Der sanfte Weg, etwa durch öffentliche Sprachkurse, kulturelle Veranstaltungen und kreative Projekte, weckt ein großes Interesse in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Landes. Aktuelle europäische Literatur wird wieder ins Belarussische übersetzt, sodass die Sprache an der Bedeutung gewinnt. Manche belarussischsprachigen Autoren erlangen auch im Ausland Bekanntheit. Es wird geforscht und entdeckt. Nach der langen Zeit der Selbstverneinung und Selbstzweifel ist die junge Generation bereit, sich mit der belarussischen Sprache zu befassen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Dabei wird mit der Renaissance der belarussischen Sprache auch die Frage nach der eigenen Identität verbunden. Denn jede Krise braucht eine klare Antwort auf die Frage "Warum?". Die passive Haltung der Weißrussen zu ihrer Sprache scheint sich nach so vielen Jahren Schritt für Schritt zu verändern. Dieser Weg wird nicht kurz sein, wie auch all das, was die belarussische Sprache im Laufe der Geschichte erlebt hat. Doch die Bilanz ihrer langen Geschichte ist positiv: Es lohnt sich, sich selbst treu zu bleiben.

Wer sich intensiver mit der belarussischen Sprache beschäftigen möchte, dem sei der elektronische Sprachführer der Universität Jena empfohlen.
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