Ukrainische Weihnachten. Die Geburt des Retters

Land & Leute Ukraine


Das Weihnachtsfest wird in der Ukraine aus der Tradition der orthodoxen Kirche heraus nach dem julianischen Kalender gefeiert. Der Heilige Abend fällt auf den 6. Januar (statt dem 24. Dezember im gregorianischen Kalender) und der erste Weihnachtstag auf den 7. Januar.

Mit der feierlichen Formel "Nova radist’ stala, jaka ne buvala" ("Eine neue Freude ist gekommen, die es noch nie davor gab") wird an die wiederkehrende, jedoch immer neue Freude über die Geburt von Jesus Christus erinnert. Da das Christentum in der Ukraine relativ spät eingeführt wurde, verbinden sich mit Weihnachten in der Ukraine eng heidnische Bräuche und Aberglauben. Das Fest wird von vielen Traditionen begleitet, die zeichenhaften auf das kommende Jahr weisen.

 

Am Heiligen Abend vor Weihnachten versammelt sich die "große Familie" (dazu gehören neben Vater, Mutter und den Kindern auch die Verwandten - Großmütter und -väter, Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten), um gemeinsam das große Ereignis zu feiern. Zu diesem Fest sind jedoch nicht nur die Lebenden anwesend; auch verstorbene Familienmitglieder nehmen daran teil, so lautet der traditionelle Glauben.

Der Ablauf und die Stimmung des Heiligen Abends wird durch vielfältige Bräuche und Traditionen bestimmt. Der Fußboden des festlich geschmückten Wohnzimmers wird mit Heu ausgelegt und erinnert an die einfache Unterkunft des Stalles, in dem Christus geboren wurde. Danach wird ein Diduch hereingetragen, eine Weizengarbe, die im mythologisch-religiösen Verständnis der Ukrainer in heiliger Dreifaltigkeit den Ahnherrn, ein neues, blutloses Opfer an Gott und den Gott selbst darstellt.

Auf dem Tisch werden genau 12 Fastenspeisen serviert, die auf die Zahl der Aposteln Christi verweisen sollen. An den Ecken des gedeckten Tisches symbolisieren Knoblauch und Walnüsse den festen Familienverbund (wie die Zehen einer Knoblauchzwiebel) und die starke Gesundheit aller Familienmitglieder (die Gesundheit soll "stark wie die Nuss" sein). Zu den weihnachtlichen Festspeisen gehören Wareniki (Maultauschen mit verschiedenen Füllungen) und die ukrainischen Nationalspeise Borschtsch (Kohlsuppe mit Fleisch und roter Beete, mit einer speziellen Sorte Krapfen, ukr. "Pampuschki"). Dazu gesellen sich auf der Weihnachtstafel Heringe, Salate ohne Fleisch und Weißbrotschnittchen, die mit Sprotten, Butter und Zitrone belegt sind, außerdem Plätzchen und andere Gerichte.

Die Krönung des Weihnachtsessens bildet die Kutja - ein weiteres Symbol der Weihnacht und das absolute Lieblingsgericht aller Kinder. Kutja wird vorwiegend aus gekochten Weizenkörnern bereitet und mit Zucker, Mohn und je nach Geschmack mit Walnüssen, Rosinen oder Honig verfeinert.

Wenn alle Speisen auf dem Tisch stehen und es im Zimmer apetitlich duftet, eröffnet das älteste anwesende Familienmitglied mit einem Gebet, der Segnung der Kutja und einem ersten Löffel davon das feierliche Abendessen. Nachdem jeder von der Kutja gekostet hat, dürfen auch andere Speisen gegessen werden.

Am späteren Heiligabend wird gesungen. Koljaduvaty (Weihnachtssingen) ist fester Bestandteil eines jeden Weihnachtsfestes, mit den Liedern werden die Geburt Christus gefeiert und Glück, Erfolg und Wohlstand für die gesamte Familie im neuen Jahr beschworen. Viele Weihnachtslieder tragen heidnische Symbole in sich, dazu gehören Gott als eine Sonnengestalt; der Begriff Gottes als einer physisch anwesenden Person, die am feierlichen Abendessen der Familie Teil nimmt und sie dadurch segnet; Gestalt Marias als ein Symbol der Fruchtbarkeit und vieles mehr. Während die Erwachsenen noch singen, beginnen für die Kinder traditionelle weihnachtliche Kinderspiele, die als Zeichen für den Wohlstand der Familie im neuen Jahr gelten.

Wenn das Abendessen vorbei und der Tisch abgedeckt ist, bleibt auf dem Tisch eine Schüssel mit Kutja stehen. Um die Schüssel herum wird für jede Seele eines verstorbenen Familienmitglieds, die am Heiligabend die Familie besucht und am Weihnachtsabendessen teilnimmt, ein Löffel bereitgelegt.

Der erste Weihnachtstag ist dem engsten Kreis der Familie vorbehalten und stellt ebenfalls eine Mischung aus heidnischen und christlichen Elementen dar: zunächst geht man in die Kirche zur Weihnachtsmesse, die in der byzantinischen Tradition wie auch an Ostern mehrere Stunden dauert. Am Vormittag darf die Familie nicht von weiblichen Personen besucht werden, dieses impliziert im Volksglauben Unglück und Probleme im folgenden Jahr. Um sicherzugehen, scheuen viele Hausherrinnen nicht davor zurück, die Tür gar nicht aufzumachen. Falls jedoch ein Mann oder ein Junge vorbeischaut, ist er hoch willkommen und wird reichlich bewirtet.

Nach der Weihnachtsmesse wird der Tisch mit Fleischspeisen gedeckt: gebratenem Geflügel, hausgemachtem Speck, geräucherter Wurst (oft aus selbstgeschlachtetem Schwein), Fleischsalaten und anderen Leckerbissen. Auch alkoholische Getränke dürfen nun getrunken werden, da die Fastenzeit am ersten Weihnachtstag endet. Diese heizen sowohl die Stimmung für die Weihnachtslieder als auch politische Gespräche kräftig an. Abweichend von der westeuropäischen Tradition gibt es am ersten Weihnachtstag keine Geschenke. Dieser erste Weihnachtsfeiertag hat eine ganz besondere sakrale Bedeutung für die Familie, er rückt die Gemeinschaft der Familie im Angesicht eines Umbruchs (das Fleischwerden des Gottessohnes, das neue Jahr usw.) in den Vordergrund.

In vielen Regionen erwartet man am Nachmittag des ersten Weihnachtstages schon die ersten Sternensängergruppen. Ansonsten klingt  der Tag entspannt mit Gesang, Gesprächen und einem entspannten Abendessen aus.

Der zweite Weihnachtstag ist der Tag der Sternensänger (Koljadnyky). Kinder, Jugendliche oder Erwachsene ähnlichen Alters (oft verkleidet) finden sich in Gruppen zusammen und ziehen, Weihnachtslieder singend, von Haus zu Haus. An solch einem Abend wird eine Familie von bis zu zehn verschiedenen Gruppen besucht. Diese gratulieren ihr zur Geburt Christi, wünschen Wohlstand und Gesundheit im neuen Jahr, stellen die Weihnachtsgeschichte nach und machen Späße. Dafür bedanken sich die Hausherren und Familiengäste mit Geld und Süßigkeiten oder anderen kleinen Geschenken.

Während die Verkleidung der Sternensänger kein Muss ist (wichtig sind allerdings zumindest trachtenähnliche Kleider), müssen die Sternensänger die Weihnachtssymbole Stern und Glocke obligatorisch mitführen. Um Weihnachtsstern und Weihnachtsglocke ranken sich viele Bräuche, so gibt man einem Kind, das spät mit dem Sprechen anfängt, aus der Glocke zu trinken, um seine Zunge zum "Läuten zu bringen".

Jugendliche Sternensänger bilden oft Gruppen nach Geschlecht und wetteifern mit ihren Liedern und Weihnachtsgeschichten mit den anderen Gruppen. Falls dabei die Mädchen mehr Geld und Süßigkeiten erhalten, müssen die jungen ihnen einen Wunsch oder eine Aufgabe erfüllen. Das gesammelte Geld und Essen legt man am Ende zusammen für einen gemeinsamen Tanz- und Spieleabend (vecornyci), bei dem es reichlich Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen und Flirten gibt. Nach der langen und strengen Fastenzeit erfüllt die Tradition der Sternensänger und vecornyci eine soziale Funktion, welcher durch die religiöse Färbung ein sicherer Rahmen gegeben wird. Sternensänger haben in der Ukraine eine lange Tradition und werden später in eher karnevalesker Weise in Melanka- Bräuchen zum "alten neuen Jahr" wiederholt.

Da Silvester und das darauffolgende Neujahr seit 1918 im ehemaligen Russischen Imperium nach dem gregorianischen Kalender (31.12./01.01.) gefeiert wird, die ukrainische Christenheit aber dem Julianischen Kalender folgt, entstand eine interessante Tradition: Am 13. Januar, dem Silvestertag nach julianischem Kalender, wird das sogenannte ,Alte Neue Jahr’ gefeiert. Dieser Abend heißt oft auch "2. Heiligabend", "freigiebiger Abend" (schedryj wetschir) oder auch Melanka, da dies der Namenstag der Heiligen Melana ist.

Die Jahre der Sowjetzeit mit ihrem kämpferischen Atheismus, den gigantischen Umsiedlungen und der Urbanisierung ländlicher Gebiete haben die ukrainischen weihnachtlichen Traditionen und Bräuche vielerorts dem Vergessen anheimgestellt. Das traditionelle Weihnachtsfest in der Ukraine mit seiner Vielfalt, Freude und und der Melange aus Religiosität  und heidnischen Bräuchen findet sich heute nur noch in entlegenen Dörfern der West- und Zentralukraine. Dort kann man das Ukrainische Weihnachten noch in all seiner Pracht und Lebendigkeit erleben.
 

Ukrainische Weihnachtslieder von Ruslana:

Lied 1      
Lied 2      
Lied 3

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