Malerisches Birzai

Ein Pol der Ruhe im Norden Litauens


Litauen mag nur ein kleines Land im Nordosten Europas sein und in unseren Breitengraden nicht zu den klassischen Urlaubszielen gehören, doch malerische Kleinstädte wie Birzaizeigen, dass es auch im Herzen Europas noch nahezu unentdeckte Reiseziele gibt, die auf die touristische Erschließung warten.

Dabei ist Birzai keinesfalls ein reklusives Städtchen, sondern bietet vielmehr dank seiner reichhaltigen Geschichte, der perfekt erhaltenen historischen Bauwerke und des malerischen Umlandes für Reisen jeder Art die perfekte Location.

 

Birzai im Wandel der Jahrhunderte

Birzai liegt inmitten des litauischen Nordens, nicht weit von der Grenze zu Lettland. Umgeben von Wäldern, Feldern und direkt am Ufer des Sirvana-Sees ist Birzai (zu deutsch auch traditionell Birsen genannt) eine traditionelle Stadt des Brauereitums und fast schon ein Blick in die europäische Vergangenheit. 

Das Stadtrecht hält Birzai bereits seit 1589, erste historische Erwähnungen der Stadt finden sich bereits im frühen 15. Jahrhundert. Diese reichhaltige Geschichte sieht man der litauischen Stadt, die inzwischen beinahe 15.000 Einwohner aufweist, auch an vielen Bauwerken an. Vor allem Schloss und Kirchen sind bezeichnet für die lange Stadthistorie und liegen wie einem impressionistischen Gemälde entsprungen am Ufer des Sirvana-Sees.

Zum Ende des 16. Jahrhunderts hin viele litauische Bürger jüdischen Glaubensgemeinschaft, sich in Birzai niederzulassen und formten mit ihren Betrieben um Leinen, Mehl und Finanzen lange Zeit das Rückgrat der Wirtschaft in der Stadt. Noch heute ist der größte jüdische Friedhof Litauens Zeuge hierfür. 

Im dreißigjährigen Krieg musste Birzai sich nach einer ersten erfolgreichen Trotzschlacht dem protestantischen Schwedenkönig Gustav Adolf ergeben, der die Burg schleifte. Nach dem Wiederaufbau und einem litauisch-russischen Bündnis wurde die Burg Birzai im Jahre 1704 erneut Ziel eines schwedischen Angriffs und bis auf die Grundmauern zerstört. 

Im 19. Jahrhundert verlor Birzai sogar kurzzeitig das Stadtrecht und wurde an die Familie Tyskiewicz verkauft. 

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt von deutschen Truppen und Nazi-treuen Partisanen gehalten, was die gesamte jüdische Bevölkerung (2.400 Menschen) das Leben kostete. Die Kriegsschäden in Birzai waren enorm, zum Ende des Krieges war die Stadt nahezu vollständig in Flammen aufgegangen und fiel nach Ende der Nazi-Besatzung zurück in die Hände der Sowjets und Birzai verschwand in den bleiernen Zeiten des Kalten Krieges von der Landkarte der Weltgeschichte. Erst 1990 erhielt Litauen seine Unabhängigkeit vollständig zurück und gab dem Aufschwung der Stadt eine Chance. 

Diese bewegte Geschichte ist Birzai deutlich anzusehen, Burgen und Kirchen mischen sich mit sowjetischen Skulpturen und all dies in der wogenden Ruhe des Sirvana-Sees

Ein städtisches Paradies inmitten der Natur Litauens

Der See selbst bietet viele Gelegenheiten zur Erkundung und lädt vor allem zum Angeln, Rudern und Treetbootfarhen ein. Einen besonderen Blick über den See bietet auch die 525 Meter lange Holzbrücke, die (mit einem Zwischenstopp auf einer Insel inmitten des Sees) zum Anwesen Astravas führt - dort liegt auch eine sehenswerte Leinenfabrik. Das Astravas Anwesen selbst ist ein historisches Herrenhaus des 19. Jahrhunderts und ist eng mit der politischen Geschichte Birzais verwoben. 

Im Sommer bietet der Sirvana-See außerdem eine tolle Badegelegenheit, denn direkt hinter dem Schloss Birzai befindet sich ein kleiner Streifen Sandstrand. Mit einer Größe von 325 Hektar ist der See ein faszinierendes Stück Natur im Herzen Europas. 

Ein besonderes Event für Besucher Birzais dürfte sicherlich der Rundflug in einem historischen Doppeldecker sein. Die klassischen Propellermaschinen kreisen ganztägig über der Stadt und bieten einen malerischen Panoramablick auf die Perle Litauens und lassen die Augen über Seen und Wälder schweifen. 

Auch der Marktplatz lädt jeden Donnerstag und Samstag zum Besuch ein. Große Teile der kleinen Stadt zu den Marktzeiten auf den Beinen und für Reisende ist es die perfekte Gelegenheit, sich unter die Einheimischen zu mischen. In einer Markthalle werden Fleischspezialitäten ebenso angeboten wie Kleidung, Schuhe oder Honig. Auf dem Marktgelände geht es dagegen schon ländlicher zu, dort werden Tiere, Saatgut und Pflanzen verkauft. 

Direkt neben dem Markt befindet sich das Denkmal zu Ehren des Dichters Julius Janonis aus dem Jahre 1976. Die sowjetischen Ursprünge des Denkmals sind der Formgebung deutlich anzumerken, der Poet selbst wurde in der Statue zwischen Schloss und Kirche für seinen Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit verewigt. 

Eine besondere Anekdote hat auch die Freiheitsstatue Birzais zu erzählen. Zwischen 1988 und 1990 wurde die derzeitige Freiheitsstatue vom Sohn des Originalkünstlers Robertas Antinis rekonstruiert. Das ursprüngliche Denkmal zur Unabhängikeit Litauens wurde zwar schon 1931 in Stein gehauen, jedoch nach Ende des Zweiten Weltkrieges gesprengt und vergraben. Inzwischen steht das Original neben der katholischen Kirche.

Auch das wohl dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte ist in Birzai verewigt, so befindet sich im Zentrum der Stadt das Mahnmal für die während des Holocaust in Litauen ermordeten Juden. 

Von der Burg zum Schloss

Größte und bekannteste Sehenswürdigkeit Birzais ist aber zweifelsohne die Burg Birzai. Der Bau der Burganlage wurde bereits im Jahre 1586 begonnen und noch heute ist die Burg Birzai die am besten erhaltene Befestigungsanlage Litauens und die nördlichste Burgfeste des Landes.

Die Geschichte der Burg Birzai ist dabei durchaus bewegt, denn in den mehr als 400 Jahren wurde die Festung drei Mal zerstört und neu errichtet. Dereinst erbaut als Verteidigung der Litauer gegen die Schweden, beheimatet die Burg indes ein Museum und ähnelt nach der intensiven Restauration und dem Wiederaufbau (1978-1988) eher einem Schloss. 

Auch auf die Landschaft Birzais hatte und hat die Burg einen maßgeblichen Einfluss, durch das Aufstauen der flankierenden Flüsse Agluona und Apascia entstand der Dirvenos See - der größte, künstlich angelegte See Litauens. 

Verteidigungskanonen, alte Burgmauern und Erdwälle bilden das äußere Antlitz der Burg am See, während das Hauptgebäude das Heimatmuseum Sela und die Bibliothek beherbergt. Im Schlosskeller befindet sich zudem ein Restaurant, das für das leibliche Wohl der Besucher sorgt. Das ausgezeichnete Essen im Schlosskeller verbindet die traditionelle Küche Litauens mit dem historischen Ambiente des Kellergewölbes und dem guten, lokalen Bier der Brauerei Birzu Alus.

Für eine historische Kleinstadt ist die Dichte an Brauereien in Birzai im Übrigen nahezu erstaunlich: Vier unterschiedliche Brauereien laden Bierliebhaber zu Verköstigungen direkt in der Brauerei ein.

Ohne des Alltags Wogen

Birzai ist - wie Litauen allgemein - ein Ort der Ruhe. Die Stadt wirkt angenehm entschleunigt und ist der perfekte Ort, um von den Strapazen des Alltags abzuschalten. Mit seiner bewegten Historie, der malerischen Natur des Umlandes und den vielen leiblichen Genüssen in der Stadt bietet Birzai zudem eine willkommene Abwechslung für längere Aufenthalte.
Auf der Suche nach Ruhe und Entspannung für die Seele ist Birzai ein malerisches Paradies, das Raum zum Träumen und Schwelgen bietet.
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