Entwicklung der belarussischen Literatur

Vom Altrussischen bis in die Moderne


Lange Zeit stand die belarussische Literatur zu Unrecht im Schatten anderer osteuropäischen Literaturen. Erst 2015, mit der Verleihung des Nobelpreises an Swetlana Alexijewitsch, wurde ein reges Interesse geweckt. Kaum jemand in der westlichen Hemisphäre hat sich bisher mit der belarussischen Sprache und Literatur intensiv beschäftigt. Dementsprechend groß sind die Neugier, sind die literarischen Erwartungen hoch nach einer derart wichtigen Auszeichnung. Was bietet die gegenwärtige belarussische Literatur ihren Lesern?

Die Anfänge der belarussischen Literatur sind eng mit der alten Kiewer Rus’ verbunden. Die heutigen ostslawischen Sprachen stammen aus dem Altrussischen; deren Entstehung begann im Mittelalter. Die Literaturgeschichte aller Fürstentümer war stark vom orthodoxen Christentum und der heimischen Folklore geprägt.

Im Großfürstentum Litauen wurde das Ruthenische zur Kanzleisprache. In damaligen Gesetztexten findet man bereits unterscheidende Merkmale des Belarussischen, das sich damals zum ersten Mal herauskristallisiert.

 

Franzysk Skaryna, der große belarussische Reformator, druckte im 16. Jahrhundert seine Bibelübersetzungen in der altruthenischen (altbelarussischen) Sprache. Die Verbreitung des Drucks ermöglichte die weitere Entwicklung und Standardisierung der Volkssprache.

Die im Großfürstentum angesiedelten Tataren verwendeten ebenfalls das Altbelarussische für ihre Texte, schrieben jedoch mit arabischen Buchstaben. Diese Bücher, Kitab genannt, sind heutzutage ein einzigartiges sprachliches und soziokulturelles Phänomen der damaligen Zeit.

Im Russischen Zarenreich, trotz massiver Russifizierungspolitik und langjährigem Publizierungsverbot, entstanden die ersten großen klassischen Werke auf Belarussisch. Jakub Kolas, Janka Kupala und Maxim Bahdanowitsch, die bekanntesten belarussischen  Dichter der Jahrhundertwende, haben mit ihren Werken die gegenwärtige belarussische Sprache erheblich beeinflusst und geprägt. Thematisch und philologisch gesehen schufen sie ein sehr vielseitige und bildhaftes Oevre. Einiges kann auch in deutschen Übersetzungen im Sammelband "Weißrussische Anthologie : ein Lesebuch zur weißrussischen Literatur" gefunden werden.

Die europäische Moderne ist an der belarussischen Literatur nicht vorbeigegangen. Ein markanter Vertreter war Maxim Harezki. In seinen Werken zeigte er die widersprüchliche Zeit der großen Umbrüche der Gesellschaft: Erster Weltkrieg, Oktoberrevolution, Teilung der Territorien. In seinem Buch "Zwei Seelen" stellt er das Schicksal der Menschen dar, die in diesen schwierigen Zeiten der Zersplitterung lebten und viele moralische Entscheidungen treffen mussten. Dieses Buch wurde eins der entscheidenden und einflussreichen Werke für die Entwicklung der belarussischen Philosophie der damaligen Periode.

Im jungen sowjetischen Staat erlebte die belarussische Literatur, genauso wie alle anderen kulturellen Bereiche, einen starken Aufschwung. Diese Phase der nationalen Entfaltung dauerte jedoch nicht lange, in den 30er Jahren begannen die stalinistischen Repressionen und viele Künstler, Schriftsteller, Aufklärer landeten im Gefängnis oder wurden unter dem Vorwand vermeintlicher staatsfeindlicher Tätigkeit hingerichtet. Auch Harezki wurde Opfer dieser Zeit.

Der Zweite Weltkrieg hat das Land beinahe komplett zerstört. Die heroische Heldentat des belarussischen Volkes wurde und wird unter anderem mittels der Kulturpolitik glorifiziert und gehört heute maßgeblich zum Gehalt der belarussischen Nationalidentität. Der Krieg hatte jedoch viel mehr Facetten und schwierige Erfahrungen, die noch aufgearbeitet werden mussten.

Wassil Bykau wurde 1962 mit seiner Erzählung "Die dritte Leuchtkugel" bekannt und war einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit. In seinen Werken untersuchte er die Natur des Menschen, seine Dilemmas angesichts aller schwerwiegenden unausweichlichen Entscheidungen der Kriegszeit. "Die Schlinge", "Zeichen des Unheils" und "Eine Alpenballade. Geschichte einer Liebe" sind wohl die international bekanntesten Werke Bykaus. Das letzte wurde 1965 verfilmt und gehört zu den Klassikern des sowjetischen Kinos.

Dank Uladsimir Karatkewitsch wurde die belarussische Literatur mit hochkarätigen historischen Novellen und Romanen bereichert. Lebhafte Sprache, meisterhafte Arbeit mit zahlreichen Themen der belarussischen Geschichte – Karatkewitschs Werke sind immer noch aktuell und ihre Popularität geht weit über belarussische Grenzen hinaus.  "König Stachs wilde Jagd" ist ein bildhaftes Beispiel seines Stils und ist jedem zu empfehlen, der sich für historische Belletristik interessiert.

Nachdem die Sowjetunion von der Landkarte verschwunden war, stand Belarus vor enormen sozialen und finanziellen Herausforderungen. Und gleichzeitig waren vielfältige nationale Ideen vorhanden, auf denen der neue junge Staat beruhen sollte. Belarussisch wurde zur einzigen Staatssprache, auch die regionale Kultur blühte (es gab z. B. Versuche, polesische Dialekte zu standardisieren, in denen auch literarische Werke entstanden). Trotz aller Nöte war die Euphorie eines jungen Staates, seiner Bürger und Intellektuellen groß.

Die Entwicklung des Landes hat sich jedoch Mitte 90er Jahre jäh verändert. Mit dem ersten Amtsantritt Alexander Lukaschenkas begannen schwierige Zeiten für andersdenkende Künstler. Auch Wassil Bykau musste das Land verlassen und verbrachte mehrere Jahre im Ausland, darunter auch in Deutschland. 2003 starb er in Minsk an Krebs. Keine offizielle staatliche Zeremonie wurde angekündigt, Tausende Menschen kamen jedoch zu seiner Beerdigung, um dem Schriftsteller die letzte Ehre zu erweisen.

Eine Situation, in der es in einem Land zwei Schriftstellerverbände gibt, ist ein sehr klares Indiz für die gesellschaftlichen Spaltung. Der eine, der "staatliche", wird von einem ehemaligen General geleitet. Der andere, der "oppositionelle", zählt unter seinen Mitgliedern viele regierungskritische Dichter und Schriftsteller. Die verwendeten Sprachen sind dieselben, ideologisch liegen zwischen diesen Polen jedoch Welten.

Dieser Zwiespalt des nationalen Bewusstseins prägt auch das künstlerische Schaffen. Ein wichtiger Meilenstein ist das Buch des Philosophen Walentin Akudowitsch "Der Abwesenheitscode: Versuch, Weißrussland zu verstehen". Dieses Essay gibt ein sehr gelungenes und umfangreiches Bild der Ursprünge der belarussischen Identität und der aktuellen gesellschaftlichen Lage. Auch auf mögliche Entwicklungsszenarien wird eingegangen. Dieses Werk bleibt ein Must-Read für alle, die Belarus besser verstehen wollen.

Ebenso interessant ist das Essay von Artur Klinau, "Minsk. Sonnenstadt der Träume".  Was nach einem Reiseführer klingt, ist in der Realität ein vielseitiges Buch über die Geschichte des Landes, die seine Spuren in dessen Hauptstadt hinterlassen hat. Mehrfach zerstört und seiner Identität beraubt, ist jedes Mal ein neues Minsk entstanden, das mit dem alten kaum etwas gemeinsames hatte. Die Architektur spiegelt den mentalen Zustand und die Stimmung wider – sowohl der Stadt als auch des gesamten Staates.

Der moderne belarussische Roman erlebt aktuell seine Blütezeit. Trotz mangelnder Finanzierung und anderer Schwierigkeiten politischer Art erschienen in den letzten Jahren zahlreiche Bücher, die auch im Ausland ihre Anerkennung gefunden haben.

Wiktor Martinowitsch genießt seinen Ruf mitunter auch im Westen. Seine Romane "Paranoia" – ein in Belarus verbotenes Buch mit politischem Hintergrund –  und "Mova" – eine Dystopie über eine mögliche Zukunft unter chinesischer Herrschaft – wurden in mehreren Sprachen verlegt. Außerdem schreibt er regelmäßig Texte für "Die Zeit". Alle seine Werke stehen im Mittelpunkt des aktuelles belarussischen Literaturdiskurses. Manche stufen den Schriftsteller als Teil des Mainstreams ein, andere bewundern die intellektuelle Mehrschichtigkeit seiner Bücher, die viele Anspielungen auf belarussisches und europäisches Kulturgut enthalten.

Der Nobelpreis für Literatur, der Swetlana Alexijewitsch verliehen wurde, war 2015 gleichzeitig Fluch und Segen. Einerseits bekam die belarussische Literatur endlich das ihr zustehende Interesse des Publikums, andererseits löste dies heftige Debatten zur nationalen Identität und Sprache aus. Alexijewitsch schreibt ausschließlich auf Russisch und das warf die Frage auf, ob sie zur belarussischen Literatur zu zählen oder doch Teil der russischsprachigen postsowjetischen Literatur ist.

Auch die Tatsache, dass es in Belarus zwei offizielle Landessprachen gibt, macht die Fragestellung nicht ganz selbsterklärend angesichts der heutigen Lage der belarussischen Sprache. Einige widersprüchliche Aussagen der Schriftstellerin haben zu dieser Debatte ebenso stark beigetragen. Andere bezweifelten sogar den Grund, einen Nobelpreis für Dokumentarliteratur zu verleihen, die an Journalismus grenzt, jedoch nicht viel vom Autor zu spüren lässt, denn Alexijewitsch interviewt Zeitzeugen und stellt ihre Erinnerungen dar.

Auch wenn ihre gesellschaftliche Position umstritten ist, sind die Werke Swetlana Alexijewitschs ein bedeutsamer Beitrag zu vielen Tabu-Themen der (post)sowjetischen Geschichte. "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" (1985) greift das Thema der Frauen auf, die an der Front aktiv beteiligt waren, jedoch keine Anerkennung bekamen und sogar dafür verpönt wurden. Dies passte nicht ins offizielle Bild des Heldenvolkes: Das Buch wurde in seinen ersten Fassungen zensiert, und die Auslassungen wurden erst in neueren Auflagen wieder in den Text eingeflochten.

"Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen" setzt das Thema des Krieges fort, jedoch eines anderen, viel weniger gloriosen Krieges, in dem es am Ende keine Gewinner gab. "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" greift die Schattenseite der GAU und der letzten Jahre der Sowjetunion auf; hier kommen Betroffene und Liquidatoren zu Wort. "Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus" stellt das aktuelle postsowjetische Leben dar, in dem alte Ideen, Worte und Überzeugungen wieder zurückkehren – all das, was als verbraucht und überwunden schien.

Experimentelle belarussische Poesie hat seit mehreren Jahrzehnten eine Tradition. Ales Rasanau ist einer deren bekanntesten Vertreter. Seine tiefsinnigen philosophischen Texte und sein Spiel mit verschiedenen Gedichtformen sind ein markantes Beispiel eines innovativen Umgangs mit der Sprache. Rasanau beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Belarussische, sondern auch schreibt auf Deutsch. Sein letztes deutschsprachiges Buch "Der Mond denkt, die Sonne sinnt" ist 2011 erschienen. Einige seiner belarussischsprachigen Werke gibt es auch in deutschen Übersetzungen, wie "Zeichen vertikaler Zeit", "Tanz mit den Schlangen", "Hannoversche Punktierungen".

In der gegenwärtigen belarussischen Poesie gibt es nicht wenige Frauenfiguren. Die bekannteste davon ist Valzhyna Mort, die in Belarussisch und Englisch schreibt. Breite Themenpalette und Expressivität zeichnen ihre Lyrik aus. Ihre Bücher "Tränenfabrik. Gedichte" und "Kreuzwort" sind auf Deutsch erhältlich.

Auch die Poesie von Smizer Wischnjou, einem der einflussreichsten Autoren der jungen Generation, wird inzwischen auch in Deutschland rezipiert. Einige seiner Bände, wie "Ich sitze im Koffer" und "Das Brennnesselhaus", wurden ins Deutsche übersetzt und geben dem deutschsprachigen Leser einen Einblick in die aktuelle belarussische Literaturentwicklung.

Die gegenwärtige belarussische Literatur kommt aber auch über die Werke hinaus, die unmittelbar in Belarus und von Belarussen geschaffen werden. Im Ausland gibt es zahlreiche Liebhaber der belarussischen Kultur, die auf Belarussisch schreiben. Ángela Espinosa Ruiz, die aus Spanien stammt, gehört zurecht zur jungen Generation belarussischer Dichter und prägt die moderne belarussische Lyrik mit.

Die Literatur Weißrusslands ist ein Spiegel der heutigen belarussischen Gesellschaft, auch wenn das in der Gesellschaft selbst wahrscheinlich noch nicht mit voller Ernsthaftigkeit wahrgenommen wird. Es ist unmöglich, genau zu sagen, wie das Land sich weiterentwickeln wird, aber seine literarischen Werke helfen dabei, es besser zu verstehen. Manche Autoren warten noch darauf, vom ausländischen Publikum entdeckt zu werden. Man kann mit Sicherheit sagen: Diese Entdeckung lohnt sich.
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