Polozk

Historisches Kleinod im Norden Weißrusslands


Polozk ist ein markanter Ort hoch im Norden von Belarus, an dem die wechselhafte Geschichte dieses kulturellen Grenzlandes ihre Spuren und Narben hinterlassen hat. Polozk gilt als die Wiege der belarussischen Staatlichkeit, dazu gilt die Stadt als entdeckenswertes Naturgebiet, einzigartige Kulturstätte und regionaler Ballungsraum.

Das Stadtbild hat sich nach den Ereignissen der letzten Jahrhunderte deutlich verändert, die Geschichte wird jedoch sorgfältig aufbewahrt – in Museen, in Kirchen, in Denkmälern. Der kulturelle Reichtum der Stadt ist umfangreich und bietet viel Raum für Erkundungen verschiedener Art. Und die Spurensuche lohnt sich.

Die ehemalige evangelische Backsteinkirche ist heutzutage das Heimatmuseum, in dem die lange Geschichte Polozk´ dargestellt wird – von den Anfängen bis in die Gegenwart. Dabei ist die Geschichte des Museums an sich nicht weniger spannend und spiegelt mehrere Epochen mit ihren Umbrüchen wider. Die lutheranische Kirche, die 1888 geweiht wurde, blieb nicht lange ein heiliger Ort für zahlreiche Polozker Protestanten. 1924 wurde sie geschlossen, danach erwartete sie ein typisches Schicksal der Kirchen in der Sowjetunion: Nach kurzer Zeit als Kreisheimatmuseum wurde das Gebäude als Kinohalle, dann als Kornspeicher genutzt. 1967 wurde die Kirche wieder zum Museum umgewandelt. Heutzutage finden dort auch Diskussionen und Seminare statt, so dass die Geschichte vergegenwärtigt und bewahrt wird.

 

Auch das heutige Natur- und Ökologiemuseum birgt mehr in sich, als es scheinen mag. Der Wassertum wurde 1953 von deutschen Kriegsgefangenen errichtet und 2006 zum Museum umgebaut. Vier Ausstellungenebenen sind mit einer Treppe verbunden und symbolisieren den Baum des Lebens – einen uralten Archetyp in vielen Volksmythologien der Welt. Dort treffen sich die Natur und die Menschheit, die diese Natur verändert und leider auch oft zerstört. Bedrohte Tierarten, Herausforderungen der modernen Zivilisation, Einzigartigkeit der belarussischen Natur – das alles gibt es dort zu sehen.

Die besondere Nähe der Belarussen zur Natur lässt sich im Polozker Webereimuseum sehr gut beobachten.  Den Baum des Lebens als universelles Modell sehen wir auch hier: Während die Wurzeln Flachsverarbeitung symbolisieren, steht der Stamm für die eigentliche Stoffherstellung. Die Krone – das sind  die vielfältigen Muster und traditionelle Ornamente, die seit Jahrhunderten jedes Meisterwerk der bäuerlichen Kunst schmücken. Jedes solcher Muster hat eine spezielle Bedeutung in der historischen belarussischen Kultur, die wir heutzutage entziffern können, um diese zu verstehen.

Dieses Traditionsbewusstsein findet sich auch in der Bildung. Das Jesuitenkolleg, 1580 gegründet, war mehr als zwei Jahrhunderte lang ein wichtiger kultureller und wirtschaftlicher Standort. 1812 erhielt es den Akademiestatus und wurde somit die einzige Universität auf belarussischem Territorium im 19. Jahrhundert, mit beeindruckend umfangreicher Bibliothek und eigener Druckerei. Sie bestand jedoch nur bis 1820 und wurde dann aufgelöst, da die Regierung ab dieser Zeit die Jesuiten nicht mehr dulden wollte. 1822 übernahm der Piaristenorden die Gebäude, in denen nun eine neue Hochschule entstand. Aber auch diese wurde nach 8 Jahren geschlossen - polnische Einflüsse waren nicht erwünscht.

Von 1835 bis 1920 befand sich in den Gebäuden der einstigen Polozker Akademie ein Kadettenkorps. Danach wurden die Gebäude als Krankenhaus genutzt. Erst seit 2005, nach der Renovierung des Komplexes, besitzt er eine neue (alte) Aufgabe: Die Staatliche Universität Polozk bezieht die Gebäude. Die Universität an sich ist jedoch ein neues Kapitel der Stadtgeschichte, tief verbunden mit der Entstehung von Nowopolozk, einer 1954 entstandenen Industriestadt, die zusammen mit Polozk einen der größten belarussischen Ballungsräume bildet. Eines der Gebäude dient heute als Gemäldegalerie, die eine bildhafte Quintessenz der Stadtgeschichte ist.

Das vielfältige kulturelle Leben blüht in alten Wänden, die mehrere Jahrhunderte hinter sich haben. Die Sophienkathedrale,  im 11. Jahrhundert errichtet und im 18. Jahrhundert nach der Sprengung wieder erbaut, stellt ein einzigartiges Beispiel des Vilniuser Barock dar. Das Zusammenleben verschiedener Konfessionen ist dort Realität: Gottesdienste werden in der Sophienkathedrale sowohl von der orthodoxen als auch von der griechisch-katholischen Kirche durchgeführt. Dort finden auch regelmäßig Musikveranstaltungen statt. Der Orgelklang an am malerischen Ufer der Palata (russ. Polota), die hier in die Dswina (russ. Dwina, lett. Daugava) mündet, ist ein prägendes Erlebnis.

Das Erbe der berühmtesten Tochter der Stadt, das orthodoxe Kloster der Heiligen Euphrosyne, überlebte alle Katastrophen der Geschichte. Mittelalterliche Fresken, Ikonen, Gebeine der heiligen Euphrosyne sowie doe Replika des berühmten Kreuzes – diese Vergangenheit ist auf Schritt und Tritt spür- und erlebbar. Im Hin und Her der Jahrhunderte wurde das Kloster zeitweise mal von Katholiken, dann wieder von den Orthodoxen dominiert, daher weist die Architektur des Klosters verschiedene Stilrichtungen auf, die die komplexe Geschichte der Region widerspiegeln. Zahlreiche Pilger besuchen noch heute diesen heiligen Ort, der so viel für das christliche Leben in Weißrussland bedeutet. Daneben ist das ehemalige Christi-Erscheinungskloster, ein imposantes Barockgebäude mit einigen klassizistischen Zügen, heute ein Zuhause für das belarussische Druckkunstmuseum und das Simeon von Polozk-Museum.

Die Geschichte der Stadt und ihre Seele sind jedoch keinesfalls nur hinter den Wänden der Museen und Kirchen versteckt. Ein Spaziergang durch die Straßen und über die zentrale Promenade mit ihren duftenden Kastanien bringt nicht weniger Erkenntnisse. Was sehr schnell auffällt, ist die große Zahl der Denkmäler. Vom Boris-Stein aus dem 12. Jahrhundert bis zum unsilbischen U-Denkmal – kein kulturelles Detail bleibt unbemerkt. Auch große Söhne und Töchter der Stadt – Wseslaw der Zauberer, die Heilige Euphrosyne (Efrosinja), Francysk Skaryna, Simeon von Polozk, und viele andere – sind auf solcher Weise verewigt. Das unabdingbare Lenin-Denkmal erinnert an die nicht so weit entfernte Geschichte, die immer noch in vielen Bereichen des Lebens präsent ist.

Die Alltagsgeschichte manifestiert sich auch als lebendiger Teil der Stadt. Die Austellung in der Polozker Nischne- Pokrowskaja- Straße erzählt uns, wie das Leben der Menschen in dieser Straße in den letzten Jahrhunderten aussah.

Napoleonkrieg, Zweiter Weltkrieg – auch diese traurigen Kapitel finden ihren Platz im Stadtbild. Leider bleiben uns oft nur Museen, Gedenktafel und Denkmäler und nicht das originäre Zeitzeugnis, welches nur zu oft im Laufe dieser turbulenten Zeiten verlorengegangen ist. Manches müssen wir jetzt Stück für Stück wiederentdecken, erraten, erfassen. Doch das ist auch das Besondere an dieser schönen Stadt – sie versucht nicht, einfach zu gefallen. Sie trägt ihre lange ereignisvolle Geschichte mit Würde weiter. Genauso wie es der ältesten belarussischen Stadt zusteht.
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