Witebsk

Kulturelles Zentrum im Osten Belarus´ am Ufer der Dwina


Witebsk – das Schicksal dieser Stadt am prächtigen Ufer der Düna ist ebenso einzigartig, wie gnadenlos. Der Zweite Weltkrieg hat dem alten Witebsk ein Ende bereitet. Der größte Sohn der Stadt, der Maler Marc Chagall, der sein ganzes Leben lang diese Stadt im Norden von Belarus sehr schätzte, ist nach dem Krieg bewusst nie wieder zurückgekehrt. Er wollte sich das alte Witebsk in seinen Erinnerungen bewahren. Das neue hätte die kleine schöne Welt, das alte Paradies, aus dem Gedächtnis getilgt.

 

Das Gesicht der Stadt lässt auf dem ersten Blick wenig von seiner Vergangenheit erkennen. Fast komplett zerstört, wurde Witebsk nach dem Krieg praktisch neu erbaut und das alte Ambiente verschwand hinter massiven grauen Betongebäuden. Die Gedenkstätte mitten im Stadtzentrum wirkt monumental, zum Teil unheimlich überhöht. Die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs sind auf Schritt und Trittpräsent und spürbar. Pärchen machen Fotos mit Militärtechnik, Kinder spielen unmittelbar in der Nähe davon – im kollektiven Gedächtnis der Menschen ist diese Attributik fester, selbstverständlicher Bestandteil des Alltags.

Im Gegensatz zu Grodno wirkt Witebsk deutlich kälter, zurückhaltender, manchmal sogar unfreundlich. Die berühmte konfessionelle und kulturelle Diversität von Grodno steht im Gegensatz zum eher russisch geprägten Witebsk. Das bedeutet keinesfalls, dass diese Stadt nichts zu bieten hat. Man braucht nur etwas mehr Zeit, um ihre verborgene Seele zu entdecken.

Witebsk wurde 947 gegründet. Seine frühe Geschichte ist mit der Kiewer Rus und dem Fürstentum Polozk eng verbunden. Später, 1320, wurde Witebsk Teil des Großfürstentum Litauens. Schon damals war die Stadt ständig ein Ort großer militärischer Auseinandersetzungen. Von feudalen Konflikten bis zur Mongolischen Invasion, vom Nordischen Krieg bis Napoleons Russlandfeldzug – all das führte mehrmals zur Zerstörung der Stadt.

Nach der Teilung Polens wurde Witebsk, wie alle anderen belarussischen Städte, Teil des russischen Kaiserreichs. Die gute geografische Lage hat die Entwicklung der Stadt forciert: Schon damals war Witebsk ein großer Industriestandort und Vorreiter neuer Technologien. 1898 entstand die erste Straßenbahnlinie auf dem heutigen belarussischen Territorium, damit übrigens auch eine der ersten im russischen Kaiserreich. Auch bedeutende Eisenbahnstrecken verliefen durch die Stadt und verbanden sie direkt mit Sankt-Petersburg, Moskau, Warschau und Riga.

Das kulturelle Leben der Stadt gehört ohne Übertreibung zu den Schlüsseln in der modernen Kunst. Damit ist vor allem das erste belarussische Kunstzentrum gemeint, das vom Maler Jehuda Pen gegründet wurde. Dort lernten die zukünftigen weltweit bekannten Künstler Marc Chagall, El Lissitzky, Ossip Zadkin. Dessen Traditionen wurde an der Witebsker Kunstschule von 1919 bis 1941 fortgesetzt, wo auch Kasimir Malewitsch lehrte. Der berühmte russische Maler Ilja Repin hatte ein Haus in der Nähe von Witebsk, wo er viele seine Werke schuf.

Der Zweite Weltkrieg legte die Stadt in Trümmer. Mehr als 90% der Gebäude wurde zerstört. Die große jüdische Gemeinde, die die Mehrheit der Stadteinwohner ausmachte (was historisch durch den Ansiedlungsrayon im russischen Kaiserreich bedingt war), teilte im Holocaust das tragische Schicksal europäischer Juden.

Doch Witebsk überlebte den Krieg und das Leben in der Stadt lief nach der Vertreibung der Besatzer weiter. Viel war nicht übrig zur Restaurierung, und so wurde viel neugebaut, auch wenn die meisten Bauten zweckgebunden waren. Die sowjetische Lebensweise der Nachkriegszeit lässt sich bis heute in den neuen Gesichtszügen der Stadt erkennen.

Und was ist mit dem alten Witebsk? Ist etwas vom Krieg verschont geblieben? Ist die gloriose Geschichte der Stadt nurmehr eine Legende? All diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten, jedoch stimmenen die Fakten optimistisch.

Ein Teil der historischen Architektur hat den Krieg überstanden, sodass wir auch heute noch diese Gebäude sehen können. Dazu gehören zum Beispiel das im 18. Jahrhundert erbaute Rathaus, in dem sich heutzutage das Heimatkundemuseum befindet, sowie die Kasaner Kirche.

Die Maria-Verkündigungs-Kirche wurde 1993-1998 auf ihren eigenen Ruinen wiedererbaut, nachdem sie mehrere Zäsuren in ihrer Geschichte erleiden musste. Die Kirche entstand im 12. Jahrhundert, wurde mehrmals von Orthodoxen und Uniaten umgebaut, hat im Zweiten Weltkrieg stark gelitten, bis sie 1961 von der sowjetischen Regierung gesprengt wurde. Das gleiche Schicksal ereilte auch die Auferstehungskirche des 18. Jahrhunderts, die 1940 gesprengt und 2009 nach den alten Skizzen im Stil des Wilnaer Barock neuerbaut wurde. Auch viele andere orthodoxe Kirchen wurden in den letzten Jahren restauriert oder neuerrichtet, was definitiv ein positives Zeichen für die Stadtentwicklung und den touristischen Reiz Witebsks ist.

Die bedeutende künstlerische Vergangenheit findet ihren Eingang in die Gegenwart. Das Chagall-Museum präsentiert seinen Besuchern zahlreiche Werke des Künstlers und ist ein Muss für Kenner. Das Geburtshaus des Künstlers wurde rekonstruiert und erzählt über Chagalls junge Jahre. Es lässt sich darüber streiten, ob die Atmosphäre authentisch genug ist, aber der Versuch, die Geschichte wiederzubeleben, ist auf jeden Fall gelungen.

Die Sommerresidenz von Ilja Repin dient heute auch als Museum und gibt uns eine Vorstellung, wie die malerische Gegend den berühmten Maler inspirierte.

Was die gegenwärtige kulturelle Entwicklung der Stadt betrifft, ist das Kunst- und Musikfestival Slawjanski Basar ein großes Ereignis nicht nur landesweit, sondern auch in der ganzen GUS. Während des Festivals blüht das kulturelle Leben der Stadt: Konzerte, Workshops, kleine Märkte – es wimmelt überall von Kulturschaffenden und Kulturbegeisterten.

Witebsk ist vielen Reiseinteressierten unbekannt und hat noch kein markantes Profil, mit dem es sich von anderen osteuropäischen Städten unterscheidet. Es braucht Zeit, um eine eigene Identität heraus zu kristallisieren, und dieser Prozess läuft in vollen Zügen. Das touristische Potenzial der Stadt mit seinen Sehenswürdigkeiten ist nichtsdestotrotz groß und so kann Witebsk sogar einem erfahrenen Reisenden viel Interessantes bieten.

Dazu gehört auch die wunderschöne Naturlandschaft um Witebsk mit ihren Nadel- und Birkenwäldern, die von Heidelandschaften und vielen Seen durchsetzt sind. In stiller Natur kann man hier ungestört wandern, Pilze sammeln, baden, angeln oder Ruderboot fahren. In den knackig kalten Wintern mit Temperaturen bis zu minus 30°C findet man hier sehr gute Bedingungen zum Skilanglauf und Eislauf oder Eishockey, und Eisangeln.
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