Karaimer in der Ukraine. Das Turkvolk der Thora

Religionen der Ukraine


In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erregte der Schriftsteller Arthur Koestler Aufsehen mit der These, ein großer Teil der europäischen Juden seien Nachfahren der Chasaren, eines turksprachigen Reitervolks aus den Steppen Zentralasiens. Dieses war im 6. Jahrhundert bis in den nordpontischen Raum vorgestoßen und hatte im weiteren Verlauf der Geschichte ein mächtiges Khanat errichtet, dass seine Unabhängigkeit erfolgreich gegen Byzanz und das Arabische Kalifat zu verteidigen verstand. Um eben diese Unabhängigkeit zu bekräftigen nahm an der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert die chasarische Oberschicht das Judentum an.

Das Ende der Steppenkrieger kam im Jahr 969, als Swjatoslaw I., Fürst der Kiewer Rus, im Bündnis mit den Petschenegen, einem anderen Turkvolk, Itil, die im Wolgadelta gelegene Hauptstadt des Khanats eroberte und das Chasarenreich zerstörte.

Während Kostlers Vorstellungen heute nur noch unter Antisemiten populär sind, die damit versuchen das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen, gibt es überzeugendere Kandidaten für die Nachfolge der Chasaren.
  Es ist eine relativ kleine religiöse Gemeinschaft von weltweit vielleicht noch 45.000 Anhängern. Der größte Teil der Karäer, auch Karaim, ca. 25.000, lebt in Israel, größere Gruppen auch in Australien und Polen, vielleicht 3.000 - 4.000 in Litauen und der Ukraine. Noch 1000 von ihnen soll es auf der Krim geben mit den Zentren Jewpatorija an der Südwestküste und Tschufut Kale bei Bachtschissaraj (Bachtschisaray).

Ihre Religion ist eine ganz eigene Interpretation des Judentums. Schon der Name gibt nähere Auskunft darüber. Leitet er sich doch vom hebräischen kara – lesen, auffordern, rufen ab. Das daraus gebildete karaim bezeichnet eine Gruppe von Gläubigen, die sich einzig und allein auf die Heiligen Schriften berufen. Und das ist nur das Pentateuch – die 5 Bücher Mose, die Geschichtsbücher und die Propheten. Abgelehnt dagegen wird die gesamte nachbiblische Lehre und Tradition wie sie im Talmud und rabbinischem Schrifttum zum Ausdruck kommt. Zwar gibt es Priester, die den Gemeinden vorstehen, die Verbindung zwischen Mensch und Gott jedoch erfolgt direkt, dem Namen getreu, über das Lesen der heiligen Schriften. Aus diesen wurden die Rituale des karäischen Gottesdienstes, festgehalten in 4 Büchern, abgeleitet. Hauptsächlich geht es dabei um das gemeinsame Gebet im als Kenesa (Kenasse) bezeichneten Gebetshaus. Die Teilnahme ist für alle Gemeindemitglieder Pflicht. Nur die Frauen sind während der Regel befreit.

Neben den Gebeten werden religiösen Hymnen, verfasst von karäischen Barden im Lauf der jahrhundertlangen Existenz der Gemeinden, gesungen und aus den heiligen Schriften gelesen. Liturgische Sprachen sind dabei Althebräisch und das Karäische.

Dieses Karaim Tili setzt sich aus Elementen verschiedener westtürkischer Sprachen zusammen und enthält zahlreiche sonst untergegangene Archaismen. Nicht umsonst übernahm Kemal Atatürk, als er im Zug seiner Reformen nach dem 1. Weltkrieg die türkische Sprache von iranischen und arabischen Einflüssen reinigen wollte, gut 330 meist wissenschaftliche Begriffe aus dem Karäischen.

Der Exotenstatus als Turkvolk der Thora bestimmte dann auch die Rolle der Karäer unter den wechselnden Mächten. Die muslimische Toleranz gegenüber den Anhängern der Buchreligionen machte sie zu Verbündeten der krimtatarischen Khane. Tschufut Kale wurde zu ihrem Zentrum mit begrenzter Eigenständigkeit. Karäer wie Benjamin Aga, letzter Schatzmeister des Krimkhanats im 18. Jahrhundert, gehörten zu den Eliten des islamischen Reiches. Begehrt waren sie als Siedler und Soldaten. So kämpften ihre Ritter auf der Seite Litauens 1410 bei Grunwald gegen den Deutschen Orden, bestehen noch heute karäische Gemeinden in Galizien und im Baltikum.

Auch als die Macht am Schwarzen Meer unter Katharina und Alexander I. an das Russische Reich überging, konnte die kleine Volks- und Religionsgemeinschaft ihre Position halten und sogar noch ausbauen. Als Ingenieure, Ärzte, Juristen, Beamte, Militärs und Großgrundbesitzer gehörten sie vielerorts zu den lokalen Eliten. Gebetshäuser entstanden in Kiew, Kharkow, Simferopol und Sewastopol. Auf 14.000 Köpfe soll das kleine Volk an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert angewachsen sein.

Der Bruch kam wie überall im untergehenden Zarenreich mit der Machtübernahme Lenins 1917. Neben den allgemeinen Katastrophen wie Bürgerkrieg, Hunger und Terror waren es besonders die Verfolgung der Religionen und der alten Eliten, der sogenannten "Ehemaligen", die sich verheerend auf die Lage der Karäer auswirkten. Unter den Zaren eine anerkannte Religionsgemeinschaft, galten sie nun nur noch als ethnische Gruppe, deren nationale Identität samt eigenständiger Sprache mehr und mehr in der sowjetischen Einheitsgesellschaft unterzugehen drohte. Fast vergessen dabei ist, dass Adolf Abramowitsch Joffe (1883-1927), enger Mitarbeiter Trotzkis, und Rodion Jakowlewitsch Malinowski (1898-1967), als Nachfolger Schukows Verteidigungsminister der UdSSR, karaimischer Abstammung waren.

Die Ära Gorbatschow und das Ende der Sowjetunion brachten auch für die zusammengeschmolzenen karäischen Gemeinden neue Hoffnung. Rührige Priester wie David Tiriyaki und David El, aber auch engagierte Laien arbeiten an einer religiösen und nationalen Wiedergeburt. So konnte die ukrainische Regierung dazu bewegt werden, Gelder für notwendige Restaurierungen in Tschufut Kale bereitzustellen. Heute existieren auch wieder zwei Kenessas in Jewpatoria, in denen regelmäßig Gottesdienste stattfinden. Ungewiss bleibt, wie es mit der eigenständigen Sprache des kleinen Volkes weitergeht. So gaben von 2.602 Menschen, die sich 1989 als Karäer bezeichneten, lediglich 503 an, Karaim Tili aktiv zu beherrschen.
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