Halytsch (Galitsch, Halitsch). Die uralte Hauptstadt Galiziens

Städte und Regionen der Ukraine


Das kleine Städtchen im nördlichen Karpatenvorland am Ufer des Dnister verdankt seine Bekanntheit vor allem seiner Funktion als Namensgeber einer ganzen osteuropäischen Region. Galizien heißt in der ukrainischen Sprache Halytschyna. Hiermit erklärt sich deutlich die Herkunft des Namens Galizien.

Das Fürstentum Galizien-Wolhynien wurde nach der Stadt Halytsch, seiner Hauptstadt im 12.-14. Jahrhundert, benannt. Auch das spätere österreichisch-ungarische Kronland Galizien führt darauf seinen Namen zurück. Auf Russisch heißt die Stadt Galitsch anstatt Halytsch. Seit 1367 führt Halytsch Stadtrechte. Besonders markant für Halytsch ist die auf einem steilen Fels hoch über dem Stadtzentrum liegende Burgruine.

 

Erstmals in einer Chronik wurde die Siedlung 898 erwähnt. 1141 vereint Fürst Wladimir Wolodarewitsch, ein Nachkomme aus dem Geschlecht von Wladimir von Nowgorod, die Herrschaftsgebiete von Przemysl, Zvenihorod und Terebovlja zum Fürstentum Galizien und macht Halytsch zu seinem Herrschaftssitz. Ab 1153 folgt ihm auf dem Thron Jaroslaw Osmomysl. 1199 vergrössert sich unter Fürst Roman Mstislawitsch das beherrschte Gebiet noch um das nördlich gelegene Wolhynien zum unter russischer Oberherrschaft stehenden Fürstentum Galizien- Wolhynien, dessen größte Ausdehnung sich zeitweise von den Karpaten bis zum Dnipro und zum südlichen Bug erstreckte. Damit war Halytsch neben Kiew, der Hauptstadt der Kiewer Rus, das zweite Zentrum früher ukrainischer Staatlichkeit.

Das Fürstentum Galizien-Wolhynien wird 1253 zum Königreich. Fürst Daniel von Galizien (ukr. Danylo Halyzkij), Sohn des Roman Mstislawitsch, unterstellt sich dem päpstlichen Schutz gegen die Mongolen, was bis heute kulturelle und konfessionelle Konsequenzen in der Westukraine hat. Im Auftrag des Papstes Innozenz IV. erhält er die Königskrone. Über dem heutigen Marktplatz von Halytsch thront König Danylo hoch zu Pferde sitzend in Form eines Reiterdenkmals.

Ab 1340 gerät Galizien unter den Einfluss des neu vereinten polnisch-litauischen Reiches und wird 1349 unter Kazimierz III. ein Teil dieses Reiches. Es entsteht die Wojewodschaft (Provinz) Ruthenien mit der Hauptstadt Lemberg.

1367 bekommt Halytsch offiziell Stadtrechte verliehen. Im selben Jahr, bereits unter polnisch-litauischer Herrschaft, beginnt unter dem litauischen Fürsten Lubart der Bau einer Burg, thronend auf dem Hügel hoch über dem heutigen Stadtzentrum. Bis ins 17. Jahrhundert hinein wurde sie noch erweitert, dann aber 1658 von Tataren zerstört. Ruinen können wir noch heute auf dem Hügel über der Stadt besichtigen und wer sich in die verfallenen Gänge des Burgkellers hinunterwagt, wird dort noch den Geist der früheren Herren Galiziens spüren. Vom steilen Burgberg hinunter hat man eine fantastische Aussicht auf die Stadt Halytsch und den hier durch eine weite Ebene ruhig dahinfließenden Dnister.

1772 kommt das Gebiet zu Österreich-Ungarn und wird Teil des Kronlandes Königreich Galizien und Lodomerien. Hier verliert das Städtchen zunehmend seine frühere Bedeutung und taucht tief in westukrainische Provinzialität.

Halytsch ist in der ganzen Ukraine durch seine karaimische (karäische) Gemeinde bekannt. Dieser Zweig des Judaismus ist sehr interessant. In Galizien war die Halytscher Gemeinde die größte. Andere große karäische Gemeinden gab es in Wolhynien (in Luzk) und auf der Krim.

Im nahegelegenen Städtchen Rohatyn gab es im Jahre 1857 bei insgesamt 5101 Einwohner über 3000 Juden. Die Rohatyner Juden waren einflussreich in der Waad, einer jüdischen Regionalverwaltung, in der sich die jüdischen Gemeinden aus Wolhynien und Galizien zusammenheschlossen hatten und gemeinsam die Juden vor den vier Ländern Polen, Österreich-Ungarn, Rußland und Litauen vertraten. Die Rohatyner (Rogatiner) Gemeinde unterstützte mehrmals die Mystiken von Jakub Frank und Sabbataj Zwi.
 

Krylos, das alte Halytsch

Die genaue Lage des alten Halytsch stimmt nicht mit der heutigen Stadt Halytsch überein. Das Zentrum des alten Halytsch liegt auf dem Hügel Krylos, die ganze Siedlung erstreckt sich über den gesamten Bereich zwischen den Flüssen Limnytsja, Lukwa und Dnister. Der Name "Krylos" kommt vermutlich vom altslawischen Kryjlis, dem heiligen Wald, der dort wuchs. Einen Berg so zu benennen macht Sinn in einer Umgebung, wo alle umgebenden Hügel kahl und nur von Gras bewachsen sind.

Diese Siedlung wurde Anfang der vierziger Jahre des 13. Jahrhunderts von den Mongolen zerstört. Später baute man die Stadt etwa 6 km nördlich am Ufer des Flusses Dnister wieder auf. Das Gebiet auf dem Berg Krylos, dem Ort der alten Stadt, ist heute ein Freilichtmuseum, ein sehenswerter, einzigartiger historischer Ort mit einer Vielzahl von Baudenkmälern, an dem bis heute zahlreiche archäologische Ausgrabungen stattfinden. Die ältesten Funde in Krylos und Umgebung sind etwa 40000 Jahre alt, eine dauerhafte Besiedlung des Landstriches lässt sich für die vergangenen 7000 Jahre nachweisen.

Bei Ausgrabungen zwischen 1933 und 1955 entdeckte man Reste von Häusern, Wirtschaftsgebäuden, Befestigungsanlagen sowie zehn aus weißem Stein gemauerten Kirchen, darunter die Fundamente der Himmelfahrtkathedrale, ein in seinen Ausmaßen gewaltiger mittelalterlicher Bau, dessen Fundamente bei einer Ausgrabung 1936 freigelegt wurden. Darunter entdeckte man die sterblichen Überreste von Fürst Jaroslaw Osmomysl. Der Bau der Kathedrale wird auf 1157 datiert. Sie ist die zweitgrößte bekannte mittelalterliche Kathedrale der Ukraine, aus dieser Zeit ist nur die Kiewer Sophienkathedrale größer.

Als einzige aus dem 12. Jahrhundert erhaltene Kirche sehen wir in Krylos die St. Pantaleon-Kirche, weiterhin eine wunderschöne Holzkirche aus dem 16. Jahrhundert, die Metropolitenkammer (18.- 19. Jahrhundert), den Fürstenbrunnen und das Starostynskyj-Schloss. All diese Baudenkmäler zeugen von der einstigen Größe und Bedeutung von Halytsch.
 

Das heutige Halytsch:

Heute ist Halytsch eine eher kleine Kreisstadt im Bezirk Ivano- Frankivsk mit etwa 6500 Einwohnern. Die mit Abstand größte Stadt Galiziens ist heute Lemberg. Im heutigen Halytsch, romantisch unterhalb der Burgruine am Dnisterufer gelegen, hat der Zahn der Zeit nicht nur an der alten Burg, sondern auch an vielen anderen Gebäuden genagt. Halytsch vermittelt sehr gut das Flair eines typischen westukrainischen Provinzstädtchens. Einige Gebäude im Zentrum rund um den großen Marktplatz wurden schon sehr hübsch renoviert, darunter die Maria-Geburt-Kirche direkt am Marktplatz. Diese ursprünglich aus dem 14. und 15. Jahrhundert stammende Kirche wurde 1825 wiederhergestellt. Hoch über dem Marktplatz thront zu Pferde Galiziens König, Danylo (Daniil) Halyzkij.

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